Macht keinen Hehl daraus, dass es von Mrs. Doubtfire inspiriert ist und plätschert so dahin. Ist schlecht synchronisiert und hat keinerlei Spannung. Aber ich mag es trotzdem.
https://www.imdb.com/de/title/tt31449991/?ref_=ext_shr_lnk






Macht keinen Hehl daraus, dass es von Mrs. Doubtfire inspiriert ist und plätschert so dahin. Ist schlecht synchronisiert und hat keinerlei Spannung. Aber ich mag es trotzdem.
https://www.imdb.com/de/title/tt31449991/?ref_=ext_shr_lnk
oder so ähnlich.
Kann mir den Namen leider auch nach 3 mal klicken nicht merken. Irgendwas das klingt wie eine Mischung aus Pantera, limp bizkits und Helene Fischer. ruebi hat Karten und ich soll mit. Auch nach 4 Songs in Spotify bin ich nicht wirklich davon überzeugt, aber es komme, wie es wolle. Und sie sind aus Australien.
„Was ist eine AG…“ „Freistaat Sachsen..!“ „Wo kriege ich eine FAZ?“ Vorne am Eingang hatten sie Blöcke und Stifte verteilt, also schrieb sich Jan eifrig Fragen auf. Er hatte einen Platz in der 2. Reihe bekommen, was eigentlich sonst nicht so sein Stil war. Aber auch hier gab es scheinbar ein Konzept für die Sitzordnung und er war brav den lustigen Zetteln am Rand gefolgt.
Designer + Kreative, Texter + Dichter, Berater + Schwätzer, Chefs + Idioten
Vorne stand „John“, der in echt Sebastian hieß, und grinste dämlich die hereintrottende Mannschaft an. Ein Flipchart stand inmitten der Bühne und einer der IT-Jungs stand gebückt neben einem riesigen Beamer und hantierte mit Kabeln und Steckern. Ein Blick in die Runde zeigte klar, dass Kreative offenbar selten Sakkos, dafür aber viel Schwarz trugen. Die kreativen Damen waren zumeist sehr streng und glatt frisiert, und still und leise. Mädels aus gutem Haus – hätte man früher auf dem Land gesagt, nicht ohne dabei eine gewisse Langeweile mit zu intonieren. Kreative Jungs? Jan schaute sich weiter um. Jungs waren in diesem Block gar nicht zu entdecken? Die ersten kamen in den Reihen hinter ihm und waren markiert durchschwarze Rollis, bunte Brillengestelle oder auch Hawaihemden. Was war er dann? Er schaute sich interessiert und unauffällig um. Aufzufallen schien er jedenfalls nicht.
„Moin, meine Schnuffi’s!“
So wurde man hier scheinbar ständig begrüßt. Eine leichte Rückkopplung sorgte dazu für Aufmerksamkeit.
„Wir sind nicht auf Malle – gehen wir pleite?“
Gejohle begleitete sofort diesen Zwischenruf aus einer der hinteren Reihen.
„Warum nur drei Mann in einem Boot?“
Noch so eine kreative Frage und großes Gelächter. John taperte wie ein Tiger vorn auf der Bühne hin und her und genoss sichtlich das Chaos.
„Wir wollen einen Jägermeisterbrunnen…!“
Das kam direkt aus der Reihe der Texter. Friedrich, den Jan auch in Verbindung mit seiner Suche nach der FAZ-Kampagne kennengelernt hatte, wollte hier wohl auch mal punkten. John grinste und votierte auch diesen Zwischenruf mit einem Thumb up.
„Meine lieben Hasis!“
Jetzt war scheinbar der Zeitpunkt gekommen an dem John seine Rede begann. Parallel erschien auf dem Beamer ein Startbild mit Logo und einem Hirschfell. Werberblöddoofarsch.
„Meine lieben Hasis! Ich liebe Euch alle!“
Getose und Gejohle und auch normaler Applaus.
„Ich liebe Euch alle und ich möchte Euch alle Wünsche erfüllen.“
Sah John auch aus wie eine schmächtige Mischung aus Schülersprecher und Junge Union- Wähler. Sprechen und die Spannung halten konnte er. Auf dem Beamer war das nächste Bild erschienen. Schwammige Bilder von Zeitungsseiten. Blonde Menschen in Sakkos.
“ …. Und wir sind dieses Jahr nicht auf Malle…“
er schaffte es sehr einfach diesen scheinbaren Mangel in einen Luxusumzudrehen—
“ –Weil wir wachsen wie ein Rudel …“
„Hasis!“
Jan hatte das gerufen und wurde sofort ein wenig rot.
„Genau!“
John zeigte mit dem Finger in Jans Richtung und fuhr weiter fort ohne sich durch das Gejohle auch nur im geringsten ablenken zu lassen. Jan, der von hinten ein anerkennendes kurzes Klopfen auf die Schulter bekommen hatte, kritzelte zwei Ohren auf seinen Block. Ständig als Hasi bezeichnet zu werden, von Chef und Arbeitgeber, war ein wenig ungewöhnlich, schien hier außer ihn aber niemanden zu stören.
„Und so möchte ich euch alle mit unserem neuen Organigramm… „
Jan kritzelte und verlor sich in der Schraffur der Hasen Ohren. Scheinbar hatte Johns launige Einleitung zu Malle-Reisen, Rügener Luxushotels und Jägermeister Brunnen als Warmup gereicht. Jetzt ging es hinüber in die Firmenstrukturen, Organisationsabläufe, Visionen…
Der Hase bekam große, fiese Zähne… einen dürren Hals… eine große dicke Nase…
„…können wir hier und jetzt stolz verkünden, dass wir den Standort…“
Es wurde anstrengend und Jan bekam Durst. War John vorhin noch alleine auf der Bühne gewesen, so erblickte Jan jetzt daneben noch drei weitere Sakkoträger, die sich neben dem Flipchart in Stellung gebracht hatten. Der Hase bekam dicke puschelige Pfoten. Jan kritzelte weiter auf dem Block herum.
„Auf dem Organigramm seht ihr die Leiter der Units, die neu geschaffen wurden…“
Jan hatte den Hasen fast fertig und fing jetzt an Vokabeln und Fragen zu notieren. Vielleicht hatten sie deshalb ja die stylischen Blöcke verteilt. Er jedenfalls verstand nur die Hälfte von dem was John da vorn erzählte, aber das konnte man sicher auch nachher noch irgendwo nachlesen. Wahrscheinlich ging ihn das hier auch gar nichts an. Sein Chef war Dirk, sie saßen fünf Straßen weiter und machte eh ganz andere coole Sachen als der Trupp hier. Wo war Dirk eigentlich? Es hieß er könne nicht mit den anderen im Bus fahren und würde nachkommen.
„Alder, wenn ich nicht gleich was zu trinken kriege… „
Das kam leise aus der Reihe hinter Jan. John konnte also auch langweilen und vielleicht übergab er deshalb jetzt auch gerade das Mikro an Thomas.
„Alder …“ wieder ein Stöhnen aus der gesichtslosen Mitte flankiert von versteckten Gekicher. Thomas glänzte. Seine Glatze spiegelte das Beamerbild in Teilen. Seine randlose Brille, seine fette Rolex, sein fein kariertes Hemd…Jan war durch das Stöhnen wieder aufmerksamer geworden und beobachtete jedes Detail an Thomas. Wo war er hier?
War „John“ noch leicht anarchistisch und unentschlossener FDP Wähler, so sah Thomas aus wie ein Erstgeborener von Helmut Kohl. Was redete der da? Was waren Profit-Center und Units? Wie kamen diese hässlichen Balkendiagramme auf den Beamer. Was zum Teufel war ein Roi? Jan, der eigentlich gern neben Sascha gesessen hätte und sich jetzt hilfesuchend nach diesem umschaute, sah zum ersten Mal, dass auch seine Sitznachbarin angefangen hatte auf ihrem Block zu kritzeln. Vorher hatte er sie nur kurz begrüßt und dem Namensschild Stefanie entnommen und Litho.
Er wusste in etwa was das war… aber eigentlich nicht wirklich. Lithografie… war das nicht uralt? Stefanie hatte scheinbar angefangen, einen düsteren Manga Comic zu zeichnen.
Unter ihrer Hand glaubte Jan gerade einen erhobenen Arm mit langem Messer …
… „Und natürlich müssen wir bei unseren Bestandskunden die Einbußen durch neue Sellings wieder rein holen…“ Thomas die Glatze sprach über Geld. Über Umsatz. Geld, Gewinn, Umsatz, Geld und Gewinn… und nicht wirklich über was anderes.
„… und wir müssen im new business deutlich zulegen…“
„Scheiß auf new business… „
Stefanie +Litho hatte offenbar Jans neugierigen Blick bemerkt und raunte das in seine Richtung. Jan grinste leicht und schaute zu Stefanie hinüber, die ihn allerdings gar nicht freundlich anschaute.
„… und so müssen wir uns auf die neue Welten vorbereiten und neue Sachen lernen…“
Thomas war kein guter Redner, dafür sprach er aber wohl auch direkter unangenehme Themen an.
„…wir geben euch alle Chancen zu lernen… Wer aber nicht lernen will…“
Jan versuchte es mit dem Hasen und hielt seinen Block Stefanie hin.
„…die neuen Märkte sind virtuell und spielen sich auf dem Computer ab…“
Thomas war wohl in Kalifornien in einem Silicon Valley gewesen und sprach von Sachen wie CD-Roms Bildkatalogen, AOL und Internet. Jan horchte auf, das waren ja seine Themen.
Der Schnitt ging mitten durch den Hals. Das Messer war riesig.
Eine Fontäne Blut schoss hinten aus dem Hasi. Litho/Stefanie hatte nur kurz Jans Block genommen, was dieser fälschlicher Weise als Sympathiebekundung zugelassen hatte, und starrte jetzt auf das Werk.
„Und so müssen wir allen Kollegen der klassischen Litho und Produktion nahelegen die angebotenen internen Umschulungsangebote wahrzunehmen…“
Jan starrte auf die schnell gescribbelten Blutspritzer.
“ – die Zukunft ist digital… die Zukunft sind Klicks..“
Litho/Stefanie hatte den Blick wieder starr nach vorn gerichtet und Jan seinen zerstückelten Hasi überlassen.
„Wir brauchen Klicks, wir machen Hits, wir ziehen in den Neuen Markt…“
Da vorne rollte eine Show und es gab auch Feedback im Saal, aber Jan war sich gerade nicht sicher wie er das Gejohle und Geraune verstehen sollte.
„…und dazu wird uns jetzt Dirk sicher viel mehr erzählen können…“
Dirk?
„Geh zu Annette. Die bucht die Reisen und Flüge. Such dir was schönes aus. Zwei Wochen.“
Dirk hatte sein Autoverkäuferlachen angeschmissen. Jan schaute ratlos.
„Worauf hast Du Lust?“ Dirk wollte wirklich nur Gutes. Hörte sich jedenfalls so an. Ein großer Junge, der mit Geld versuchte alles zu regeln. Jan überlegte. Alleine in Urlaub, das hatte er noch nie gemacht. Er war allein noch nicht mal in der Lage an einen Urlaub zu denken. Und wollte es auch irgendwie nicht. Dirk wollte das aber für ihn organisieren.
„Ja, gut ich überlege mal.“ Ein dämlicher Satz würde man denken, aber so war Jan nun mal irgendwie. Und er trug es den ganzen Tag mit sich. Während er stumpf an einer neuen Idee für Siemens Hausgeräte herum designte, überlegte er angestrengt was er für einen coolen tollen Urlaub auf Firmenkosten machen könnte.
Siemens Waschmaschinen.
Siemens Trockner.
Siemens Wasch-und Trocknerkombination.
Siemens Geschirr…
Jan surfte durch den Produktkatalog und sah ein Produktfoto langweiliger als das andere. Cool wäre es, wenn man aus der Trommel heraus, durch die Wäsche, mit Wasser… In seinem Kopf fing das Storyboard an den Kameraflug einzufangen. Die einzelnen Keyframes hatten richtig Potenzial. Es war vielleicht nötig mit ein paar versteckten Schnitten zu arbeiten… die Trommel innen, die Maschine außen… Jan dachte an Film und an George Lucas. Der würde so was hinbekommen. Der hätte das Equipment und auch die Power.
Jan dachte an seine Bewerbung – in einer durchgeknallten Nacht hatte er damit mal angefangen. Den Anflug auf den Todesstern, die Schluchtszene mit den X-Wings und den T-Fighter im Rücken… das gesamte klassische Teil 1 Stück hatte er bis auf das letzte Detail in
mühevoller Kleinarbeit in einer illegalen Version von 3D Studio Max nachgebaut. Und zwar in schwarz weiß Wireframe Look. Das war damals alles was er aus seiner Maschine herausholen konnte – aber genau dieser Look hatte eines der großen Star Wars Spiele ein paar Jahre davor unwiderstehlich gemacht. Das war aber gar kein richtiges 3D. Das war gut gemachtes Pseudo 3D in 2D. Bei Jan war alles echt. Echtes 3D. Seine Kamera flog um den X-Wing herum, während er
aus dem All in den Graben des Todessterns einschwenkte. Die Verfolger wurden wiederum von eigenen Kameras begleitet…
Draußen krachte es. Die Weichspülautomatik „Ein Patent von Siemens…“
Könnte er auch einen Urlaub in die USA nehmen? Zwei Wochen vor Industrial & Light & Magic campen und hoffen George Lucas zu sehen und ihm seinen Film in die Hand zu drücken…?
„Hi Mr. Lucas. I am Jan from Germany and I am doing animations. And I am your biggest fan and I would love towork for you…“
Konnte man so einen Urlaub bei Annette auch buchen? Jan merkte wie er gar nicht mehr bei der Sache war.
„Sag mal, muss es echt diese Waschmaschine sein?“
Die Frage ging in Richtung Sascha, der wieder an irgendwelchen E-Mails herumtippte. Waschmaschine mit X-Wing Flug durch die drehende Trommel … dann Eintauchen in eines der schnell drehende Löcher… Durchflug mit Rotation…
Erster T-Fighter bleibt in Socke hängen … Zweiter schlägt gegen Trommelwand, explodiert … Hinter der Trommelaufhängung geht es weiter…
„Ja, ich fürchte das ist in aktuellste Modell und da sind die verdammt stolz drauf.“ Sascha tippte weiter gab Jan aber die Bestätigung, für die absolut tödliche Langeweile.
„Die hat ja noch nicht mal ein Display.“ Jan schnaubte und erwischte sich dabei wie er aus dem Fenster starrte und auf Sex in der Wohnung gegenüber hoffte.
„Keine Laufzeit Anzeige?“ So eine Waschmaschine würde er niemals kaufen.
„Nein, aber diese spricht und sagt Dir wie lange es noch braucht!“ Sascha war auch nicht wirklich bei der Sache, dafür reichte es aber noch.
„Wie? Die Sagt mir, wie lange sie noch schleudert?.. „
„Ja, auf Knopfdruck…“
„Oh, mein Gott…“
Der Tag ging weiter. Das Telefon klingelte in diffusen Abständen. Jan erzeugte Ebene nach Ebene. Sascha tippte und tippte und griff ab und an zum Hörer. Dirk rannte ab und an aus seinem Büro heraus um sich in der Küche Kaffee zu holen. Dabei hatte er permanent ein Telefon am Ohr und quasselte. Draußen rumpelte das Stahlmonster und klingelte die Menschlein von der Straße. Der Abend schlich sich hinein nach Mitte. Sex gab es heute keinen. Er telefonierte mit ihr. Stadtgespräch Prenzelberg → Kreuzberg Heute konnten sie sich nicht treffen. Sie musste was mit ihm machen. Freunde besuchen. Gemeinsam Essen. Er war in der Wohnung. Das hörte Jan an der Art, wie sie sprach. Er liebte diesen Kitzel. Mehr brauchte er für heute Abend nicht. Er wollte einfach nur mit ihr reden. Ihre Stimme hören. Den ganzen Tag konnte er sie sehen und auch sprechen hören, ja sie hatten sogar gemeinsame Projekte. Aber ihre wahre Stimme, ihr zartes Hauchen das kam erst jetzt.
„Love me love me say that you love me…“Lovefool. Das war ihr Lied. Tag und Nacht hatte er es im Kopf. Sie hatte es im Auto gespielt, in dieser eisigen Nacht in Mitte, als sie ihm angeboten hatte den Berg nach oben zufahren und ihn in der Kastanie abzusetzen. Es war spät geworden. Die Präsentation für Siemens. Der letzte Schliff an der Waschmaschine. Die Folien für die Präsentation. Er saß neben ihr auf dem Sitz und die Stimme der Cardigans Sängerin hing wie Zuckerwatte über der Straße.
„Wie meintest Du das eigentlich damals?“Sie hatte den Motor abgestellt und nestelte an ihrem Schlüsselbund herum. Jan genoss jede Minute, jede Sekunde und hatte eh nicht sanderes vor als eine leere Wohnung zum Schlafen zu nutzen.
„Ja, was dachtest Du denn… “ Jan hatte sich aus dem Gurt geschält und an die Seitentür geschmiegt. Ihre Hand glitt über das Cockpit. Wie ein zartes Streicheln.
„Ich muss nach Hause.!“
Jan wusste das, konnte aber nichts sagen. Stattdessen drückte er zweimal auf Repeat. Das gelbe Stahlmonster flog an ihnen vorbei und vergaß das Klingeln. Jan klebte mit den Haaren an der Scheibe. Draußen Kälte.
„Love me love me…“
Die ersten Takte. Eine Gitarre. Ein Hauch in der Zeit. Er fasste ihre Hand. Sie war fein, warm und freundlich. Er umschloss sie sanft. Die Zeit konnte jetzt laufen wie sie wollte. Er war nicht mehr Teil dieser Welt. Jetzt hier mit ihr verknüpft zu sein, nach diesen Tagen. Nach diesen Wochen.
„Geh nicht…“
Hatte er es gesagt oder gedacht. Es war egal. Die Zeit dehnte sich unter der Berührung ins Unendliche. Und niemand musste etwas sagen.
„Hast Du schon eine Idee für deinen Urlaub?“
Sie schaute ihn fragend an.
„Nein… Keine Idee. Nichts…“
Jan sprach die bittere Wahrheit aus. Er hatte nicht den Hauch einer Idee, was er mit einem Urlaub anfangen sollte. Er hatte nicht eine Sekunde eine Idee gehabt oder irgendeinen Wunsch. Auch keine Hobbys oder dergleichen. Elke schnaufte, wie Sie es immer tat, wenn ihr etwas nicht passte oder sie ratlos war.
„Tauchen? Wäre das nicht was? Oder Surfen? Du kommst doch aus dem Norden?..“
Rydberg verfluchte die Technik. Er stand in Shorts und Hoodie auf seinem Schurwollteppich und hatte das Bose-Soundsystem mit Steely Dan verkoppelt.
“Peg” von Michael McDonald in der 40. Variante besungen, perlte durch den Raum und schmiegte sich an Wände und Möbel in Rydbergs Loft. Gerade war das genau das Richtige für seine Ohren. Warum hatten die Menschen Smartphones, wenn sie nicht mehr dran gingen – an das phone hinter smart? Weil es smarter war zu texten und asynchron zu kommunizieren? Sicher konnte man heute aus dem Rauschen der Daten, die ein jeder Nutzer dieser Geräte hinterließ, sehr viel genauere Suchprofile erstellen, als jemals jemand zu glauben gewagt hatte. Sicher gab es den Quotienten mit dem man alles berechnen konnte. Heute war ein Mensch und Täter mehr als nur Fingerabdruck,
Haarfarbe, Größe und Gewicht und die Warze auf der Wange. Android oder Iphone, Smart oder Oldschooolphone, Facebook oder Google+, SMS-Schreiber, Handyflatrate.
Die Anzahl der Chatnachrichten, deren Frequenz, die Zeit zwischen den Antworten, Groß-und Kleinschreibung, Nutzung von Smileys, das alles waren feine Nuancen, die aus jedem Kontakt eine digitale Mimik und Gestik machten, die der realen Begegnung ein Pendant gaben. Rydberg hatte noch nicht viel mit Büscheling zu tun gehabt, aber dass dieser sich nicht am Telefon meldete erschien hochgradig seltsam. Der war schon von Berufs wegen ein Telefonierer und mit der Übergabe seiner Handy- und Festnetznummer hatte er sich gegenüber Rydberg als ebensolcher offenbart. Hätte Büscheling ihm Facebook gegeben oder eine googlemail Adresse hätte Rydberg diese Wege auch in Betracht gezogen. Aber das passte nicht zu Büscheling. Rydberg wartete fünf Minuten während er eine Zigarette rauchte, dann drückte er erneut auf die Wahlwiederholung. Ein Dutzend Mal hatte er in den letzten Stunden versucht
Büscheling ans Ohr zu bekommen, aber dieser blieb eine Antwort schuldig. Da ging noch nicht mal eine Mailbox ran. Das machte Rydberg fuchsig und nervös. Er stand inmitten seiner 95 qm Wohnung auf St. Pauli und schaute auf die Dächerlandschaft des naheliegenden Kiezes. Die Wohnung war seine Festung der Einsamkeit und nur selten
war ein anderer Mensch hier länger als zwölf Stunden zu Gast gewesen. Die wenigen Frauen, die diese Marke überschritten hatten, brannten wie Narben eines schlechten Tatoos an der Außenseite seines Herzens. Eine hatte ihm mal ein Brennen am Schwanz beschert. Ein nicht kontrollierter Unfall nach einer durchzechten Nacht – damals als er noch trank. Damals. Rydberg liebte es sauber. In seiner Wohnung einen Krümel zu finden war ein Ding der Unmöglichkeit. Ein schweres Erbe von seinen Eltern. Rydberg hatte Probleme mit einem Problem. Er hasste Dreck. Und er hasste Staub.
Und er hasste Unordnung.
Und er musste putzen.
Das hatte er die letzten sechs Stunden getan. Er war mit einem Taxi der Klinik entflohen – hatte sich nach dem Betreten seiner verlassenen Wohnung direkt ins Bett geschmissen, um dort zwölf Stunden in einem komatösen Albtraum zu verbleiben. Dann war wie an jedem anderen Morgen exakt um 6 Uhr aufgestanden. Da er nicht zur Arbeit musste, hatte er sich in seiner Küche einen Latte Macchiato gemacht und war danach in seiner Abstellkammer verschwunden, wo er sich bis zu den Zähnen mit Putzutensilien eindeckte. Bewaffnet mit Staubmop, Eimer und Wischmob hatte er
anschließend begonnen, den Wohnbereich in den für ihn erforderlichen Zustand zu bringen. Zwar hatte er eine Putzfrau, die notgedrungen in seiner dreimonatigen Abwesenheit eine gewisse Grundreinigung übernommen hatte, aber das war noch weit unter dem Niveau, welches Rydberg für angemessen hielt. Besser man lässt Rydberg ran, dort wo Mutti nicht mehr putzen kann.
Er hatte Gummihandschuhe bis über die Ellenbogen gezogen, Überzieher an seinen Hausschuhen befestigt und trug nur ausnahmsweise keinen Papieroverall, weil er den letzten, bei dem Versuch sich in der Hamburger Innenstadt von einem Dach zu stürzen, zerrissen hatte. Das war vor seinem Ausflug in die burnout-Welt. Lange Geschichte. Keine schöne Geschichte und sie hatte viel mit blonden Locken zu tun, die seine Verlobte dutzendweise in seiner Wohnung verloren hatte, bevor sie verschwand und nur noch vereinzelte Locken übrig waren. Noch längere Geschichte. Rydberg zog fest an seiner Klötze. Das war der einzige Dreck, der in seiner Wohnung erlaubt war auch wenn er sich größtenteils in die Kapillargefäße seiner Lungenflügel einnistete. Penibel strich er die Asche in einen der fünf Design-Aschenbecher, die an strategischen Orten in seiner Wohnung platziert waren, und bewunderte sein Werk. Nachdem er den Boden grundgereinigt hatte, sämtliche Flächen geputzt und die Buchoberseiten in seiner Bibliothek von Staub befreit wusste, hatte er außerdem alle Kabel der Wohnung – welch lästiges Relikt des letzten Jahrtausends – von ihren Kabelbindern befreit. Danach hatte er seinen neu erworbenen BOSE-Zeitgeist-Verstärker, der drei Monate lang bereits verpackt im Flur stand und auf seine Rückkehr wartete, in die Kabelläufe integriert und wieder alles hinter den Schrankelementen unsichtbar werden lassen. Kompliziert war das schon, aber es war auch die Sache wert, wie Rydberg fand. Kein Kabel war jetzt irgendwo zu sehen und der neu hinzugefügte Verstärker gab dem satten Klang seiner Dolby-Surround 5.1 Klangwelt noch weitere Dezibel Volumen. Rydberg war zufrieden und verstaute sämtliche Hilfsmittel in der Abstellkammer. Er schob sich eine neue Klötze in den Mundwinkel. Es ging ihm gut, oder? Bloß keine Selbstzweifel aufkommen lassen und schnell mal die Musik ändern. Steely Dan hatte mehr Ideen in einem Song als mancher Musiker in seinem ganzen Leben, aber jetzt brauchte er etwas raueres. Weniger Ideen und Perfektion, mehr gute, brutale Emotion. Energie. Pure Energie und Pathos. “Placebo” ging da immer und er hatte gerade zwei Titel aus einem der besten Alben der letzten 20 Jahre durchgehört, als die ersten Akkorde von „Follow the cops back home“ ertönten. Rydberg hatte das Warten satt.
Er griff zu seinem Heim-Iphone und wählte. Nach dreimal Klingeln nahm eine junge Stimme ab.
„Büro des Amtsleiters. Söhle am Apparat.”
Rydberg hatte eine ganz alte Nummer gewählt, die er aus unerfindlichen Gründen nie vergessen hatte.
„Rydberg. Hallo. Ist Müggler zu sprechen.”, er gab sich kurz und knackig – was sollte er sich auch groß erklären. „Ehmmm… also Herr Rydberg. Darf ich fragen um welche
Angelegenheit es geht und wie sie zu dieser Nummer gekommen…”
„Ja, dürfen sie – aber ich habe keine Lust. Sagen sie ihrem Boss, Rydberg hätte angerufen und die Nummer auf dem Display schreiben sie sich auf. Danke.”
Rydberg war sich sicher, dass er so am schnellsten an Müggler herankäme, der sich, falls ihm dieses Greenhorn die Nachricht übermitteln würde, sicherlich sofort melden würde.
„Gut, Herr Rydberg… darf ich trotzdem fragen, um was es geht?”
Hier war ja einer von der ganz durchtrainierten Sorte, dachte Rydberg und blies den Rauch seiner Klötze durch die Nase in den Raum.
„Schreiben sie RYDBERG auf einen Hafti und dazu meine Nummer, Jungchen! Und dann kleben sie Müggler das an seine Scheibe. Ich habe auch einmal für euren Verein gearbeitet.”
Rydberg legte auf und bemerkte, dass sein Puls ein wenig in die Höhe gegangen war.
Hatte! Gearbeitet hatte!
Die Anlage pegelte die Musik wieder hoch, die automatisch bei dem Telefonat ausgeblendet worden war, und ein kleiner Brian Molko verfolgte zu einer wunderschön perlenden Gitarre immer noch Polizisten nach Hause und raubte deren Häuser aus. Dieser kleinen Arschkrampe würde er was Hinter die Löffel geben, wenn sie hier bei ihm auftauchen würde. Wenn er dann noch Bulle wäre. Rydberg schwelgte in Sound einer typisch englischen Gitarrenschule und lauschten den Weisen eines jungen Mannes, der viel mehr vom Leben wusste, als sein Aussehen erwarten ließ. Placebo ging einfach immer und versöhnte ihn mit der Welt und allen Frauen darin, auch wenn er von den meisten Damen die Bilder nur noch in blassen sepiafarbenen Abzügen aufrufen konnte.
BANG!
Wie immer von einem leichten Ausfaden des Soundsystems begleitet, erschreckte Rydberg der plötzliche Klingelton seines Festnetzes. Leicht verdattert registrierte er die Nummer auf dem Display der Anlage und griff zum Hörer, den er noch vor einem Song auf die Station gestellt hatte.
„Müggler hier! RYDBERG – was zum Hergott wollen sie?”
Mügglers Stimme war dieselbe wie damals und sein Satzbau schnörkellos wie immer. Rydberg konnte nicht gerade sagen, dass er das vermisst hatte, aber vielleicht konnte er schnell mit einem Telefonat alles mögliche erledigen.
„Hallo Müggler. Ich habe vorgestern einen alten gemeinsamen Bekannten von uns wiedergetroffen. Halb beruflich, halb privat. Er hat mir seine Nummer gegeben – aber ich kann ihn darauf nicht erreichen…”
„Und deswegen rufen sie hier an!…”, Müggler bekam kleine Schaumperlen am Mund, die Rydberg durch das Telefon knisternd platzen hören konnte.
„Es geht um Büscheling.”, Rydberg war auf seinen Fatboy gesunken und hatte nicht vor, das Gespräch länger als nötig zu führen, also spuckte er die wichtigen Fakten schnell raus. Stille! Aber nur ganz kurz.
„Büscheling? Wie kommen sie ausgerechnet auf Büscheling!”, Müggler schnauzte los.
“Ich bin froh, dass er noch lebt, denn wer der aufwacht, werde ich ihm mächtig in den Arsch treten…”
„Aufwacht?”, Rydberg stutzte. Stille. Klicken im Kopf.
„Büscheling hat gestern was abbekommen und kann von Glück sagen, dass er noch in Stücken ist, aber…”, Müggler war sichtlich gestresst und kurz davor Dienstgeheimnisse an einen ehemaligen Mitarbeiter auszuplaudern.
„… aber dass er auch noch seine Auszubildende verliert…”
Ex- Bulle hin oder her, Rydberg war mal einer von Ihnen und einer von den Besten, die es je gab und warum er ausgerechnet gerade heute anrief und Büschelings Namen nannte, machte Müggler angesichts der flauen Fahndungslage sehr neugierig.
„Rudolph? Die habe ich auch kurz kennengelernt…”, Rydberg hatte sich aus dem Fatboy aufgerichtet und streckte sich hinüber zu seinem zweiten Iphone, das an einem der Dutzend Ladegeräte in der Wohnung hing.
„Woher weißt Du das alles?”, Müggler duzte Rydberg, was nur als Zeichen eines nahenden Kontrollverlustes zu werten war.
Ja, woher wusste Rydberg das alles. Das wollte er nicht einfach so preisgeben und es ging Müggler eigentlich auch nichts an. Er hatte innerhalb der letzten drei Tage einige schräge Sachen erlebt und wäre gerne davon verschont geblieben, aber Büscheling war einer seiner ältesten und vielleicht einzigen Freunde, auch wenn sie sich Jahre lang nicht gesehen oder gesprochen hatten.
„Wo kann ich Büscheling sehen?”
Rydberg kannte die Abteilungen sämtlicher Hamburger Krankenhäuser und wusste in welchen Polizisten behandelt wurden.
„Nordberg. Er liegt in Nordberg. Aber Du kommst da nicht alleine rein! Ich bin um 17 Uhr dort. Treffen wir uns vor Station 5.”
Müggler wusste zwar nicht warum er sich innerhalb dieses Gespräches darauf einließ, aber er hatte einen schwerverletzten OHK im künstlichen Koma, eine verschwundene Polizeischülerin, Besuch vom MAD und ein dauerklingelndes Smartphone. Außerdem hatte sich die Presse, die wie in jedem schlechten Film den Polizeifunk abhörte, auch an seine Dienststelle gewandt, nachdem der Feuerwehreinsatz im beschaulichen Lurup am gestrigen Abend einigen Anwohnern nicht verborgen geblieben war.
Zwei verwirrte Männer beendeten ihr Telefonat und keiner war schlauer. Rydberg wollte eigentlich nicht aus dem Haus, nachdem er es sich gerade so gemütlich gemacht hatte. Vielleicht wollte er nie wieder aus dem Haus. Höchstens im Dunkeln oder zum Kiosk an der Ecke. Bei Büschelings Namen machte es aber immer wieder Klick im Kopf, und Rydberg hatte nicht eine Sekunde gezögert zur Garderobe im Flur zu gehen. Nach Nordberg waren es bei guten Verkehr 25 Minuten. Er würde die SR-500 nehmen. Die brauchte dringend wieder mal Bewegung und Rydberg wollte einen schmalen Schatten und hohe Beschleunigungswerte haben falls nötig.
„Guten – ärr Abend – ich heiße Dimitri Domandszri Oblawgev und bin ihres Nachtwache heute fürs Nacht. Sie können mit allen ihres Problemens zu mir nach vorne kommennn. Gutes Nacht.“
Die Tür hatte sich gerade geschlossen, doch das Gegacker war schon im vollen Gange.
Römer lief rot im Gesicht an und sagte gar nichts – während Schumann sich in die Kissen rollte und Tränen gackerte. Ein dürrer und nicht all zu hoher, kleiner Mann war eben aus der Tür verschwunden, doch das Schauspiel das er geboten hatte klang nach. Römer japste nach Luft und kringelte sich in die Laken seines Bettes, dabei streckte er seinen Kinderarsch in die Luft und wirkte wie etwas zwischen Robbe und gestürztem Pferd. Schumann erstarrte in einer Vorstufe des Wahnsinns. Er hatte in den letzten drei Monaten einige Variationen von Absonderlichkeiten hier erlebt. Radebrechende Russen konnten ihn eigentlich nicht erschüttern – aber dieser eben verschob die Messlatte gewaltig. Nein, lieber würde er seinen Versicherungsschutz riskieren, den Autoschlüssel aus dem Schrank holen, um anschließend mitten in der Nacht über die Autobahn zu rasen und in seiner Heimatstadt einen katholischen Pfarrer aus dem Bett klingeln. Diesen würde er dann in den Beichtstuhl der St. Marienkirche schleppen. Alles besser als diesem radebrechenden zwanzigjährigen Russen inmitten der Nacht seine Sünden und “Problemens” auszubreiten.
„Was war das denn?!“, unterbrach Römer seinen heimatlichen Gedankenausflug und sein atemloses Gegacker.
„Was war das denn bitte schön eben?! Wollen die uns verarschen?“, Römers Stimme überschlug sich zu einem schwulen Stakkato und es würde noch einiges folgen.
„Ich geh jetzt ins Foyer von dieser Scheisskiste und klingel den Chef raus…”, heiße Luft konnte Römer gut, wild nestelte er an seiner Jogginghose und versuchte gleichzeitig in seine Hausschuhe zu schlüpfen. Schumann konnte in einer Pause ein wenig Luft holen und atmen. War alles schon nur noch halb so schlimm. Hatte schon schlimmere Sachen erlebt.
„Ach, lass mal – ist doch lustig…“, warf er ein doch da war Römer schon durchgedreht und hatte laut zeternd das Doppelzimmer, das eigentlich ein Dreibettzimmer war, verlassen. Schumann konnte also in Ruhe weiter in seiner Phantasie turnen und merkte sogleich, wie der aus dem Schlaf gerissene Pfarrer ihn geil anschaute und sich ohne Widerstand die Hände auf den Rücken fesseln ließ. Schumann stöhnte und konnte es nicht glauben, aber wollte es zu Ende bringen und stieß den Pfaffen weiter den Gang entlang durch eine dämmerige Bude, die offenbar seine Dienstwohnung war. Einen langen Gang entlang und immer tiefer ins leicht muffige Dunkel der Sakristei – oder wie das hieß. Durch die Tür und dann rechts, hinein in den neogotischen Bau, der Schumann in seiner Kindheit so verhasst war, hinein in eine kühle offene Aula mit einem dieser neumodischen Altare und schlichten Holzbänken.
„Darf ich fragen – welches meiner Schäflein begehrt so spät des Nachts Gottes Zuspruch!?“
Schumann ekelte sich – das war zu viel – und außerdem nicht echt. So nahm er den Iinksseitig auf einem Podest stehenden Kerzenleuchter, der eben in Griffweite aufgetaucht war, und zog ihn ohne weitere Verzögerung mit einer eleganten Bewegung über den Schädel des Pfaffen. Der Ton fehlte, aber das Feedback kam schnell und optisch brillant. Eine staubige Fontäne sprühte in die kühle Luft der Kirche. Blut sprudelte aus einer klaffenden Wunde über des Pfaffen rechten Auges und stumm, mit offenem Mund, fiel dieser wie ein Sack in sich zusammen.
„Keines Deiner Schäflein – das hättest Du wohl gerne gehabt, Du Schwanztrine!“
Schumann ließ den Leuchter fallen, stopfte sich eine Handvoll Hostien aus einer Schale in die Tasche seines Parkas und ging. Die Tür zu und raus aus den Klamotten. Der Duschvorhang zur Seite und schnell den Druck von nahezu kochendem Wasser in sein Gesicht. Wasserdruck, der sonst in Hamburg fehlte, war hier am Stadtrand in Fülle vorhanden und die Temperatur reichte vom gefühlten minus 10 Grad bis knapp an die Schwelle, bei der sich Hähnchenhaut vom Hähnchen löste und mit kleinen Fettblasen im Ausguss verschwand. Rauschen. Druck. Ausschalten. Schumann kochte sich frei von Schuld und Sünde, oder was auch immer.
„Na, war doch gar nicht so schlimm, oder?“
Büscheling schob sich seinen Notizblock in die Gesäßtasche und bog um die zwei Meter breite Hecke der Villa. Hinter sich hatte er Rudolph im Schlepptau, die sich noch mit einem Winken bei der alten Dame am Fenster verabschiedete. Sie hatten eine Stunde damit zugebracht den Anekdoten Frau Schwartaus zu folgen und dabei den „Tatort“ zu sichern. Neben diesem stand nicht unpraktisch ein Gartenpavillon, in dem eine gute Seele von Hausangestellter Kaffee und Franzbrötchen kredenzte, während Freifrau von Schwartau, die Geschichte ihrer Familie vom 30-jährigen Krieg bis zum gestrigen Anschlag auf ihre Regentonne wiedergab. Büscheling hatte seinen Block wieder im Einsatz und ließ seine „Assistentin“, wie Frau Schwartau sie wohl eingangs kurz genannt hatte, die Spuren aufnehmen. Offenbar gab es tatsächlich ein paar Fußabdrücke von Turnschuhen und zwei leere Flaschen Alkopops, die den Verdacht erhärteten, dass jugendlicher Leichtsinn ca. 5000 Liter butterweiches und antikes Regenwasser vernichtet hatten.
„Und ein Beet mit Horthensien“, wie Rudolph noch geflissentlich unter Schäden im Protokoll vermerkt hatte. Die waren komplett ausgespült und lagen flach entwurzelt auf dem angrenzenden Rasen. Nach einer Stunde Konversation und der nachdrücklichen
Versicherung, dass man dem Vorfall verfolgen würde, hatte Büscheling seinen seniorigen Charme wieder eingefahren und versucht sich und „seine reizende Assistentin“ aus dem oberschlesischen Hörsaal zu entlassen. Als er sich aus den Tropenholz-Sesseln erhob, die aussahen als hätten sie zu Kaisers Zeiten auf einer afrikanischen Plantage gestanden, landete er allerdings keinen Volltreffer bei Freifrau von Schwartau: „Wir müssen uns schließlich auch noch um andere bösen Buben kümmern.“
Die Dame zog ihre bis zur Unerträglichkeit geglättete Stirn etwas kraus und ließ dann abrupt die Mundwinkel fallen. Behände erhob sie sich und schritt damenhaft aus der Szene. Dabei zischte sie Büscheling über die knochige Schulter an:
“…und vergessen sie ja nicht, das Aktenzeichen hier zu lassen, damit ich die Sache gleich an meinen Anwalt geben kann…“
Hamburger Pfeffersäcke halt! Büscheling ließ mit dem Chip die Autotür aufpeppen und schritt durch die Gartenpforte.
„Nicht schlimm!“, Rudolph legte nach dem Verlassen des Grundstücks ihre Contenance ab.
„Nicht schlimm!?“, zischte sie leise Büscheling zu, so dass es niemand sonst hören konnte. Die Hecken hier in Blankenese waren eine Spezialzüchtung, aber Schallschlucken war nicht ihr Spezialgebiet. Beide rutschten in den Wagen, der schon ein bisschen mehr Schutz gab, und Rudolph feuerte ihre Aufzeichnungen und Dienstmütze in das geräumige Fach vor ihren Knien.
„Na na na, Frau Kommissaranwärterin Rudolph…“, setzte Büscheling ein und ließ den Wagen gemächlich anrollen.
„Die alte Krähe spinnt wohl! Was glaubt die denn wer wir sind und womit wir so unsere Zeit verbringen!”
Rudolph kam in Fahrt, was Büscheling allerdings nur zu gut verstand.
„Die soll ihrem mexikanischen Gärtner, den sie wahrscheinlich im Zwinger hält, die Tonne wieder auffüllen lassen und uns nicht mit so einem Mist belästigen!“
Das wird der ganz große Rundumschlag.
„Wir haben jetzt eine Stunde bei diesem Vampir verdaddelt und da hätte ich lieber Katzen aus dem Baum gerettet oder Fahrraddiebe gejagt.“
„Das kann meine Assistentin also auch ?“
Büscheling steuerte den Streifenwagen gemächlich durch den Zick-Zack-Parcour der parkenden Gartenbaufahrzeuge. Große Hecken brauchten große Scheren, und große Gärten brauchten Gärtner und gaben schöne Rechnungen am Anfang und Ende eines jeden Sommers.
„Oh, mach mich nicht noch wütender!“, Rudolph boxte Büschelings rechten Oberschenkel. Und das schmerzte nicht wenig bei einer trainierten Kampfsportlerin.
„Au! Ich glaube ich muss mir die Dame mal zur Brust nehmen und züchtigen! Au!”
Büscheling war ein harter Hund und musste an seine jungen Jahre im Dienst denken. Ja, wie hieß es so schön: es gab gerecht und es gab gerechter. Rudolph schmollte und blätterte in den Einsatztickets. Der Funk war leise und sie hatten keine aufgelaufenen Notrufe oder “Calls”.
„Schau mal da oben auf das Ticket.“
Ohne die Straße aus dem Blick zu lassen deutete Büscheling auf den eben quittierten Auftrag.
„Das „P“, das Klotz da drauf gekringelt hat, rate mal, wofür das steht.“
Büscheling lehnte sich am Steuer zurück und ließ Rudolph grübeln. Rudolph schnaubte. Sie hatte das “P” dort natürlich schon längst entdeckt, es aber nicht einer Frage wert befunden. Sie konnte nicht glauben, womit sie gerade eben ihre Zeit vergeudet hatte und ließ den Blick durch die endlose Reihe der Hecken streifen. Hier standen Milliardenwerte an Nach- oder auch noch Vorkriegsimmobilien und stanken einfach nur nach Geld und Stagnation. Wenn auch nur in jeder zweiten Villa solch ein Drachen neben einer Regentonne hauste, würde sie direkt nach dem zweiten Lehrjahr ihre Versetzung nach Billstedt oder Wilhelmsburg einreichen. Sie wollte Menschen helfen und nicht irgendwelchen gelifteten Hundertzehnjährigen die Fotos für den
Versicherungsvorgang machen. Der Drache eben sah aus, als wenn er mehr Botox und BUHON als Blut im Körper hatte und auch wenn die Freifrau sicher mal eine richtig hübsche Perle gewesen war, hatte sie den Absprung Richtung würdigen Alterns eindeutig verpasst. Davon zeugten die gut versteckten, aber doch zu erahnenden Narben unter dem Haaransatz im Nacken und hinter den Ohren, die Rudolph nicht verborgen geblieben waren. Hier hatte einer der circa 200 Hamburger Schönheitschirurgen, die sicher auch hinter einer der Hecken residierten und zur Tarnung ein paar Kinderspielgeräte im Garten aufgestellt hatten, sein Werk vollbracht – vielleicht sogar im Rahmen der Nachbarschaftshilfe. Rudolph war gerade ein bisschen übel und sie hatte überhaupt keine Lust über das “P” nachzudenken. Sicher eh nur einer der dämlichen Bullenwitze. Der Polizeiwagen rollte gemächlich die endlose Reihe der Prachtbauten entlang und so mancher der zahlreichen, geschäftigen Gärtnergehilfen erstarrte bei dessen Anblick. Sicher waren nicht alle, der mit großen Baumsägen und elektrisch betriebenen Heckenhäckseler ausgerüsteten, Aushilfen krankenversichert und vielleicht auch noch nicht mal polizeilich gemeldet. Aber dafür gab es die Kollegen vom Zoll und Arbeitsamt.
„Das „P“ steht für Präsenz!“, sagte Büscheling und grinste dabei einem südländisch aussehenden Rasenmähermann an, der gerade beim Abladen eines Gerätes von einen Anhänger zur Salzsäure erstarrt war.
„Unser lieber Einsatzleiter hat in seiner großen Weisheit die Aufgabe uns auch in bestimmte Viertel zu schicken. Die Fälle sind meist banal und neben dem ganzen anderen Dreck nicht wichtig, aber die Fahrt hier durch die Straße und unser beider Adlerblick sind das Wichtige.“
Büscheling schwang, wie um das zu unterstreichen, seinen Arm aus dem Fenster und überließ gönnerhaft einer der gerade ausparkenden Gartenfirmen die Vorfahrt. Rudolph rückte ihren Hintern wieder auf dem Sitz zurecht. Sie fühlte sich ertappt.
„Mir ist der schlaffe Kaffee von Frau Schwartau und ihre Horrortensionsiendingsda auch reichlich egal“, sprach Büscheling weiter, während Firma “Baumkrone” vor ihm
vorsichtig aus der verschatteten Heckeneinfahrt heraus bugsierte und der Fahrer dabei mehr an seine 6 Punkte in Flensburg dachte, als an das defekte Rückfahrlicht und den
wahrscheinlich 10 Jahre alten Verbandskasten.
„Die Damen und Herren hier spülen anteilig die meisten Steuern ins Säcklein der Stadt.“, ergänzte Büscheling seinen Vortrag und zuckelte mit exakt 29,8 KmH dem
Rasenmähermann hinterher.
„Die wollen uns nur ab und an hier mal sehen, aber auch nur kurz, und dann regeln sie die meisten Sachen eh mit Versicherung und privaten Schutzdienst.”
Büscheling spürte wie Rudolphs Hand auf seinen Oberschenkel mit kreisenden Bewegungen ihre Wiedergutmachung demütig andeutete.
„Ich hab´s verstanden Chef.”, säuselte sie und war deutlich entspannter als eben noch.
„Und jetzt kümmern wir uns aber um die richtig bösen Buben?”, flötete sie ihn an und zog den Knüppel hart an die Innenseite seines Schenkels. Büscheling stöhnte leicht auf, bog gemächlich in eine der Hauptverkehrsadern, die Hamburg von West nach Ost komplett durchteilten, und schob dabei ein wenig unwillig ihre Hand von seinem Schenkel fort.
„Ja, Frau Kommissariatsanwärterin. Jetzt schauen sie mal schön, was wir da als nächstes auf der Liste haben und machen den Funk ein wenig lauter.”, er war geil und hart und dachte an alle möglichen verlassenen Villen hier im Viertel, in denen er jetzt gerne mal der jungen Kollegin den Arsch versohlt hätte. Aber er war zu sehr Profi und Genießer, um seinen Pflichten nicht nachzukommen.
„Aye Aye, Sir!”, grinste Rudolph und klappte den nächsten Einsatzzettel hoch.
Irgendwie war sie gerade sehr abgelenkt und etwas in ihrem Hinterkopf wollte noch eine spitze Bemerkung zu der alten Lady abgeben, aber bei der Berührung Büschelings adrigen Schwanzes hatte sie das wohl gerade vergessen.
Rydberg hatte lange nicht mehr diesen Weg gewählt. Manchmal fuhr man eben aber auch nicht selbst, sondern etwas fuhr einen. Er genoss den Blick über die tausend Lichter der Stadt und rollte mit gemächlichen 50 KmH die lange gerade Rampe in den südlichen Teil Hamburgs hinab. Das war hier irgendwie fast wie aus Teilen einer Carrera- Bahn gebaut, hatte er einen Augenblick gedacht und merkte, wie sich die Erinnerung an den Kontakt mit den Plastikteilen in seine Erinnerung schob. Brücken, steile Kurven und lange Geraden. So etwas hatte man damals zusammengesteckt und war stundenlang im Kreis darauf herumgejagt. Jetzt bog er ab und fuhr in Richtung Bahnhof. Wilhelmsburg war ein Stadtteil, den man suchen musste zwischen Containern, Fabriken und Brücken. Da wo das “Alte Land” auf die harte, brutale industrielle Realität stieß, von der man auf der anderen Elbseite so wenig mitbekam, lebten ganz normale Menschen. Rydberg hatte hier sein Studium und seine ersten Berufsjahre bei der Polizei erlebt. Lange war er nicht mehr hier gewesen und vielleicht hatte sich auch alles geändert – aber einige Dinge änderten sich vielleicht auch nie – dachte er als er im Schein eines Kneipenschildes ausrollte.
„Die Kurve”
Ein Schild wie kein anderes und ein Versprechen. Seit seinem letzten Besuch waren bestimmt 2 Jahre vergangen, ergab eine schnelle Recherche im Kopf. Alles war beim Alten und so musste das bei Stammkneipen auch sein, sonst wären sie ja nie welche geworden. Dass er eine Stammkneipe hatte, musste er wohl irgendwann vergessen haben, dachte Rydberg beim Durchschreiten des dicken Vorhangs hinter der Eingangstür. Viele unbekannte Gesichter doch auch viele Bekannte. Rydberg fühlte sich sofort wie zu Hause. Der Laden war gut gefüllt und es herrschte ein angenehmer Lärm ohne Aggressivität. Man stand, man saß, trank Bier oder anderes und quatschte angeregt an allen Ecken. Rydberg schob sich durch die Reihen der Gäste in Richtung Tresen. Dahinter stand ein entspannter Endvierziger mit grauen Schläfen, einem trainierten Oberkörper und gepflegten Äußeren und zapfte Pils. Heintje, der eigentlich Rolf hieß, war tagsüber Zahnarzt und abends Barkeeper. Vor zehn Jahren hatte er “Die Kurve” von einem Onkel geerbt und sich sofort entschlossen die alte Traditionskneipe selbst weiter zu führen. Des ewigen in kariesdurchzogene Münder Starrens überdrüssig, hatte er die Leitung der Praxis an seine Frau abgegeben und sich der Renovierung der Kurve gewidmet. Natürlich hatte er Rydberg sofort erkannt, als dieser den Raum betrat, denn ein guter Wirt wusste jederzeit, wer und was seine Schwelle überschritt. In dem Augenblick als Rydberg sich an den Tresen schob, hatte Heintje eines der frisch gezapften Biere vor ihm auf die Eichenholzplatte gestellt.
„Ich glaube es nicht!“, der Hüne hinter dem Tresen grinste ein breites Lachen und wischte sich die Hände an einem Handtuch ab. Er winkte einer jungen Dame neben sich, die ihm die anderen Biere abnahm und stützte sich mit beiden Händen auf den Tresen.
„Was macht denn Superbulle in unseren bescheidenen Hallen?“, er streckte Rydberg seine Pranke hin. Rydberg, der geahnt hatte, dass er schon längst auf dem Radar erschienen war, streckte ihm seine Rechte entgegen.
„Tja – ich musste mal wieder in den Süden – siehst ja wie blass ich bin.“, Rydberg ließ seine Hand durchkneten und schob mit der Linken das vor ihm aufragende Pils bestimmt zur Seite. Alkohol war einmal. Eine schlimme harte Phase seines Lebens, die aber vorbei sein sollte. Heintje hatte die Geste sofort verstanden und das Glas zurück zu den Zapfhähnen gestellt.
„Einen Espresso?“, Heintje nickte fragend und hatte schon eine Tasse in der Hand.
Rydberg hatte sich auf einen der Barhocker geschwungen und schaute entlang des gut gefüllten Tresens.
„Gerne, mit viel Zucker! Ich suche den Bartosch. Treibt der sich hier noch rum?“ Der Name Bartosch war ihm vorhin in den Kopf geschossen, als er am DESY über Photonen und Moleküle nachgegrübelt hatte. Bartosch war Physiker und nicht irgendeiner. Rydberg hatte ihn während seiner Zeit in Diensten des Personenschutzes kennengelernt und mit ihm zwei Aufenthalte in der Schweiz erlebt. Was Bartosch damals gefährdete hatte Rydberg nicht verstanden. Bartosch besuchte in Lausanne und Genf Tagungen und war sonst den ganzen Tag in der riesigen Baustelle des CERN abgetaucht, in die Rydberg ihn nicht begleiten brauchte. Rydberg hatte auf Staatskosten ein paar sehr schöne Wochen mit viel Freizeit und wenig Arbeit an einem der schönsten und ruhigsten Flecken Erde verbracht und sich dabei mit dem Professor angefreundet.
“Der Bartosch? Ja, der ist wohl gerade am Titelverteidigen.” Heintje schwenkte seinen Blick in Richtung des Kickers, der ein bisschen abgesetzt im hinteren Teil der Kurve stand.
„Die Kurve“ war das, was man im klassischen Sinne als einen ekligen Laden bezeichnen konnte, aber hier hatten ganz feine Kräfte Unglaubliches geschafft und aus einer 50er Jahre Bruchbude einen feinen ranzigen Luxusladen mit einer gar nicht schlechten Küche geschaffen. Ein Hauch von Pronto hing in der Luft und irgendjemand hatte die erste Van Halen in die Jukebox geholt. Rydberg hatte den Espresso genommen und war in Richtung des Kickers aufgebrochen.
„Klaus!“
„Heinz!“
„Martin!“
„Heinz!“
„Matt!“
„Heinz!“
„Matt!“
„Heinz!“
Das Begrüßungsritual war einsilbig und wortkarg wie schon vor etlichen Jahren. Freitag war nicht nur Bierchenabend, Freitag war Kickermassaker. Hartes Doppel mit Pronto, ohne Handschuh und ohne Anspielen. Streng nach Hamburger Regeln. Kickern war eine Religion. Kickern war eine Sprache. Rydberg freute sich wirklich ein paar der alten Kumpanen zu sehen, hatte aber auch so etwas wie eine Mission. Außerdem knurrte ihm der Magen und er hatte wohl den ganzen Tag wieder mal das Essen vergessen. Irgendwas war ja immer.
„Hallo Jungs. Hallo Bartosch, Dich hätte ich gerne mal gesprochen.”
Auf der anderen Seite des Kickertisches hatte er Bartosch in der Torwartposition sofort erkannt. Er war irgendwas über 60 und vollständig ergraut, sah aber aus wie ein knackiger Endvierziger und kleidete sich auch so. Bartosch spielte konzentriert mit einem jüngeren Spieler vorne in der Sturmposition zusammen und zog die beiden Herren auf dieser Seite des Tisches wohl gerade mächtig ab.
“Musst mich fordern, wenn Du mich vollquatschen willst.”, Bartosch hatte gerade einen Schuss im gegnerischen Kasten platziert und nahm einen Schluck aus seinem Hefeweizen. Dabei grinste er Rydberg unter der tiefhängenden Billardtischleuchte hinweg herausfordernd an. Rydberg, nicht verlegen, knallte einen Euro auf den Rahmen des Kickers und gab damit seine Antwort.
“Einen Mitspieler werden wir für Dich auch noch finden.”, grinste Bartosch weiter und knallte ein weiteres Tor durch die löchrige Abwehr der Gegner. Rydberg nutzte die Zeit, um am Tresen einen der fabulösen Bortsche zu ordern. Das war ein Geheimrezept aus irgendwelchen familiären Verstrickungen Heintjes und der absolute Knaller.
„Fuckadibum!“
Die Kugel krachte in den Torschacht und entlud ihre kinetische Energie in einer raumgreifende Erotik, die nur echte Männer wahrnehmen konnten. Ein harter Schuss war – ganz klar – ein „harter Schuss“. Ein Bandenschuss war ein „Respektsschuss“. Ein langsam über die Torlinie geschobenes Ding war ein „Schwuler Olli“. Nur ein paar Begriffe am Rande. Bartosch und sein junger Mitstreiter, den Rydberg nicht kannte, führten haushoch. Thomas, der auf dieser Seite des Tisches im anderen Team spielte, hatte scheinbar wieder einen seiner grobmotorischen Abende erwischt. Seltsam, wie ein ausgebildeter Feinmechaniker, der früher beim DLR in Köln den Marsroboter mitentwickelt hatte, zeitweilig solche Ausfälle haben konnte.
„Na, Thomas – wieder zu viel Glühwein in der Werkstatt gezischt? “
„Halt die Fressluke dicht – Du Torfnase!“
Herzliche Dialoge, wie man sie in der Kurve liebte. Rydberg stand in zweiter Reihe und entdeckte Rübi, den er vorher noch nicht entdeckt hatte. Mit einem kurzen Nicken gab er diesem zu verstehen, dass er ihn als Stürmer haben wollte. Rübi stand wie immer in chwerem Leder, Jeans und Wollsocken an die Wand gelehnt. Rübi sprach nicht viel, grinste selten und man konnte das alles mit seinem früheren Leben als Bassist in einer
Deutsch-Indie-Band in Verbindung bringen, oder auch nicht. Man munkelte, dass Rübi sich überhaupt nicht mehr für viel interessierte – außer Frauen und dem perfektem Basslauf.
„5:6“
Thomas & Heinz verkrümelten sich geschlagen an den Tresen. Jetzt hieß es locker bleiben und hart sein zugleich. Blau stand leer und Bartosch & Jüngling hatten ein warmgespieltes Rot auf ihrer Seite. Rydberg zog seine Motorradjacke aus und gab dabei seine beeindruckenden Tatoos zur Schau, die nur von einem engsitzenden T-Shirt bedeckt waren. Er rieb sich die Handflächen warm und ließ den Ball einrollen. Rübi schoss wie schon tausende Mal zuvor einen “straighten Hammer”, den Bartosch jedoch ohne Probleme auffischte. Hier wurde nicht geredet, hier wurde gekickert. Bartosch gab den Ball über die Mittelflanke schräg nach vorne zu Jüngling und so war es an Rydberg das Unvermeidliche zu vermeiden. Noch etwas kalt in den Händen konnte er zweimal blocken bis es „1:0“ stand. Rübi schnaubte und nahm einen Schluck aus seinem Astra. Die Kugel rollte wieder ein und diesmal hatte Rydbergs Elf mehr Glück mit Rübis Donnerschlag aus dem mittleren Fünferspieß. Bartosch, der sich in den letzten 20 Jahren so wenig verändert hatte, wie das Atomgewicht von Sauerstoff – hatte wohl mal wieder Formeln vor dem Kopf, denn dieser Ball ging gerade durch an die Holze.
„1:1“
Zack! Jüngling hatte den Ball eingerollt und konterte wuchtig mit einem direkten schwulen Olli über zwei Banden. Rydberg bekam seinen Torwart noch in die richtige Ecke, konnte aber leider ein Abprallen nicht verhindern. Der Nachschlag aus dem gegnerischen Zweiergestirn erfolgte sofort. Kein gerader Schuss, sondern ein über die Ecke geschobener Birdy, der Rydberg leider ein wenig fassungslos und hilflos kichern ließ. Zack!
„2:1“
Das ging mal wieder schnell. Gegen Bartosch zu spielen grenzte schon damals in der
Schweiz an Masochismus. Nur die Qualität seiner Mitspieler entschied über Sieg und
Niederlage. Rydberg bemerkte wie alte Bewegungsabläufe, die in seinen Muskeln abgespeichert waren, wieder reaktiviert wurden. Das Spiel ging weiter. Schnell, hart und brutal.
„Dein Bortsch ist fertig, Rydberg! Verlier endlich, sonst wird er kalt! “, Heintje alias Rolf hatte seinen Zwischenruf gut getimed. Gerade hielt Rübi den Ball auf Vorderhand und nahm einen provokativen Schluck aus dem Glas.
„Wenn ich deinen Drecks-Bortsch gegessen habe, habe ich so wie so verloren! Stell das Ding auf den Tresen und schau mir beim Siegen zu…“
Rydberg konterte verbal über die Schulter und brachte mit dieser weiteren gezielten Provokation Jüngling ein wenig aus dem Tritt. Zack! Siegen war aber leider gerade nicht drin. Rübi hatte einen ganz schwachen Abend und Rydberg war auch nicht auf der Höhe der Stange. Sie brachten das erste Match in einer rekordverdächtigen Zeit mit „3:6 “ und „4:6 “ über die Runden. Rydberg schlich neben Rübi vom Kicker weg und setzte sich vor seinen heißen Bortsch.
„Frauenfrust oder was Alder?“
Viel mehr Gründe für Spielschwäche konnte sich Rydberg bei Rübi nicht vorstellen und vielmehr als ein ausgeschmücktes, grummeliges Ja oder Nein würde er zu dieser Uhrzeit nicht bekommen. Rübi sagte wie immer nichts. Also irgendwas sagte er schon – aber Rydberg verstand es nicht. Eigentlich waren seine Ohren in einer Spitzenverfassung aber Rübis eben nicht mehr. Rübi nuschelte wie Sau, und Rydberg hatte es satt immer nachzufragen. Also versuchte Rydberg es für ihn:
„Bist Du nicht mehr mit dem süßen Hasen aus Altona zusammen?“, ein austauschbare Schachtelsatz, der so immer funktionierte. Austauschbar war das süß und der Ortsteil von Hamburg, in dem Rübi gerade sein Jagdrevier hatte. Rübi hatte auch schon in London, Dortmund und Köln gejagt, aber das wusste man nur aus seinen Band-Geschichten aus der guten alten Zeit. Das Gerücht hielt sich, dass Rübi eigentlich New Order erfunden hatte, nachdem ihn die Sisters of Mercy verlassen hatten und gleichzeitig in Deutschland… aber das waren Märchen. Musikermärchen – davon gab es so viele wie Bullenmärchen. Egal! Der Bortsch war super und Rydberg hatte lange nicht mehr so lecker gegessen wie eben gerade.
„Alder, wenn wir so weiterspielen wird das ein trauriger Abend. Reiß Dich doch mal zusammen!“ Gerade hatten Bartosch & Jüngling ihre Nachfolger am Tisch in die Grube geschickt und da die Konversation mit Rübi doch ein wenig steif war, machte es Rydberg auch nichts aus, wieder an den Tisch zu gehen und das stumpfe Schwert des Wortes gegen zwei kugellagergefederte Lanzen der Tat einzutauschen.
„Ich vorne – Du hinten – bis 3! “ Rydberg hatte Energie in den Adern und wollte es jetzt
wissen. Kurze, knappe Kommandos wie beim Militär, so musste das sein beim Kickern!
Er lockerte seine Hüfte, stellte sein Standbein an die richtige Position und wollte es wissen. Rybergs Fünfer machte einen „straighten Knall“ – das heißt sein linker Mittelmann bekam die Kugel nach dem Einrollen direkt auf die Füße und Rydberg schoss mit einer eruptiven Drehbewegung seiner linken Hand den Ball mit ca.170 Kmh ins Tor. In einigen Landesteilen weiter südwärts der Elbe hätte es jetzt eine wilde Schlägerei mit feuchter Aussprache und Anfassen gegeben. Hier in der Kurve spielte man aber straight! Keine Pimperlitzchen und Kinkerfritzchen, wie schon Rydbergs Opa gesagt hatte. Jüngling schob das Ding neu ein. Rydbergs Fünfer blockten gut! Seine linke Hand hatte einen guten Tag – dachte er – gerade als Jüngling mit einem zweibandigen Mittelslop an ihm vorbei, in das von Rübi nur grobmotorisch bewachte Tor, einschoss.
„1:1“
Zack Zack! Ein Schnauben, ein Griff in die Ballluke und weiter ging es.
Teigiges Gesicht. Groß. Schwitzen. Helmut trug ein passendes kariertes Hemd zu diesem Namen und knetete seine Hände auf den Schenkeln einer beigefarbenen Hose.
Stretch. Autofahrerhose. Viel unterwegs. Düsseldorf. Außendienstler. Vertrieb Futtermittel irgendwas. Seine Augen flackerten wild in der Runde daher. Sylvia neben ihm, hatte die Schultern eingezogen. Knöchellanges Batik irgendwas und Sandalen. Neben Helmut sah sie aus wie eine der zwölf Waldelfen, die sich aus dem bergischen Land hier in die Stadt verirrt hatten. Vielleicht Pilze? Nervös knabberte sie an ihrer Unterlippe.
„Weshalb sollte mich das interessieren?“
Friedjof war der Hibbelige links von Mushroom Sylvia und so dünn, dass man neben seinen Armen die Stuhllehne sah.
„Wieso muss ich mir das anhören!“
Friedjof keifte herum, was ihm viele böse Blicke im Kreis brachte aber auch zustimmendes Stöhnen.
„Friedjof, bitte. Du kennst die Regeln.“
Mehr musste Stefan gar nicht sagen, der sich mit übereinander geschlagenen Beinen und Strickjacke optisch nicht weiter aus der Runde abhob.
„Okay Chefe…“
„Aber…“
Friedjof hatte mit ein wenig Verzögerung die Autorität in Stefans Blick empfangen und zog sich wieder in den Schatten der Stuhllehne zurück.
„Wir alle hier teilen und wir alle hier geben und nehmen.“
Stefan, Diplom-Psychologe mittleren Alters, mit Schnauzbart und offenen Hemd unter dem ab und an ein Goldkettchen aufblitzte, markierte mit diesem kurzen Satz die Regeln des Gesprächskreises und zeichnete mit offenen Händen einen Winkel zwischen Friedjof und Helmut. Dieser war erstarrt und schwitzte vor sich hin, nahm die Geste aber als Signal, um mit seiner weinerlich monotonen Stimme sein Blitzlicht fortzuführen.
„… dann mache ich mir in der Mikrowelle ein FROSTA Gericht warm. Es ist wichtig dabei nicht mehr als 8 Minuten bei 800 Watt einzustellen…“
Helmut sollte sich teilen und das tat er mit aller Inbrunst. Minutenlang. Jan sah sich um.
„Wir kaufen uns Dinge mit Geld, das wir nicht besitzen, um Menschen zu
beeindrucken, die wir nicht mögen…“
Preisschilder erschienen an den Möbeln, die Jan im Hintergrund betrachtete.
Eine Schrankwand- nicht IKEA -2495.- D-Mark
eine Sitzgruppe-Leder mit Glastisch 3000,- D-Mark
ein flauschiger Teppich, grau blau, edel… ca 2000,- D-Mark
Tyler Durden war verbrannt, ausgehölt und abgestumpft. Was war Jan? Er saß im 4. Stock eines 70er Jahre Baus, im inneren Kreis der Kölner Innenstadt. Blick auf den Dom. Ruhige Lage. Domblick war ar gar nicht so selten in der flachgebombten Stadt, die sich gekachelt wieder aus dem Staub erhoben hatte. Sein Kopf summte, war vielleicht auch leer. Er hatte keine Ahnung. Tyler Durden schaute auf die Dinge und sah ihre Werte, Jan starrte in den Raum und sah durch die Menschen und Worte hindurch.
„Himbeergeschmack ist meine Lieblingssorte…“
Helmut sprach sonor von seinen Nachtischvorlieben. Fridtjof schnaufte. Eso-Sabine grinste dämlich. Die anderen drei Frauen und Männer waren im Sichtfeld verschwommene Schemen. Wenn diese sich auch noch öffnen würden, hätte Jan überhaupt nichts dagegen. Besser als alleine ins Alleinsein starren. Zuhören und nicht da sein. Wären heute nicht Gruppe, wäre er jetzt Laufen. Oder er säße im Kino. Vielleicht auch kiffen oder ficken.
„Danke. Helmut.“
Stefan hatte das gesagt und wohl gerade im rechten Moment Helmuts Achterbahnerzählung vom Stumpfsinn des Lebens als geschiedener fettleibigen Mann im Außendienst für einen Futtermittelhersteller unterbrochen. Friedjof hatte sich auf dem Stuhl in embryonaler Haltung zusammengerollt und den letzten seiner Fingernägel abgebissen. Sylvia und die anderen klatschten brav in die Hände und bestärkten Helmut in seiner schonungslosen Offenheit des sich Öffnens und Monologisierens über Mahlzeiten.
„Was können wir daraus lernen?“
Jan schreckte auf. Friedjof schnaufte. Es war üblich Helmut jetzt zu spiegeln. Jeder war angehalten das Erzählte durch einen kurzen Kommentar positiv zu verstärken.
Jan hatte sich bis jetzt in allen Sitzungen mit Allgemeinplätzen daran beteiligt.
„Das kenne ich… „
„Das macht nichts. ist mir auch schon passiert…“
„Das kenne ich. _“
Sowas zu sagen kostete nichts und tat nicht weh. Das war Teil der Gruppe und ihrer Regeln und damit bezahlte man quasi den Eintritt.
„Du bist widerlich und unglaublich unwürdig!“
Es schoß aus Jan heraus. Er hatte es so gedacht und dann auch laut gesagt. Klirren. Eisige Kälte… Ein Riss durch die stickige Luft. Alles konnte man in die Sekunden hinein interpretieren, die jetzt in der Vergangenheit verschwanden.
„Ja.“
Stefan warf einen Blick in Jans Richtung und deutete ihm zu schweigen, aber Helmut war schon gebrochen und brach schluchzend in Tränen aus. Friedjof sprang in dieser Sekunde von seinem Stuhl auf und fing an, wie ein Irrer zu lachen.
„Fett!“
Nur ein kurzes Wort ausgespuckt dazwischen. Ja, die Hölle konnte so schnell entfacht werden. Es war so einfach.
„Also, das war jetzt ja echt daneben…“
Sylvia entzürnte sich, weitere Stimmen erhoben sich. Jan hörte nur das Rauschen, er hatte das Feuer entfacht. Helmut brach weinerlich in Tränen zusammen, während Stefan seine Zettel auf dem Schoß sortierte und nach den richtigen Stilmittel für den
Eklat suchte. Dabei fasste er sich erst an die Nase und spielte dann an seinem Goldkettchen.
„Ich gehe mal eine Rauchpause machen. Kommst du mit?“
Friedjof war von seinem Derwisch-Trip offenbar wieder runter und stand neben Jan, der inmitten des Orkans auf seinem Korbstuhl verharrte.
„Jo.“
Jan hatte keine Lust auf den Domblick, aber dafür hatte man die Terrasse schließlich mal gebaut. Gemeinsam stand er mit Fritjof vor dem Geländer und schaute auf das verschotterte, hässliche Dächermeer, das sich vor dem Doppelspitzen der Kölner Kathedrale aufspannte.
„Wie bist du denn drauf?“
Friedjöf zog eine P+S aus einer Packung und bot diese Jan an.
„Wie soll ich drauf sein?“
„Na, das eben war ja schon ein Massaker. Helmut ist sicherlich gleich zerflossen.“
„Ich glaube, das wird ihn heilen, glaube mir.“
Jan zog an dem einen Stengel und brachte die Glut zum Knistern. Er hielt den Kopf in den Nacken und zielte mit der Zigarette genau zwischen die beiden schwarzen, verkohlten Domspitzen. 600 Jahre hatten sie an dem Rotz gebaut und dabei unendlich viel Geld und Leben verschwendet, nur damit das Ding heute die Stadt von weiten überragte und Touristen aus aller Welt anzog. Friedjöf schaute in die gleiche Richtung wie Jan und kicherte.
„Wie heilen? „Friedjof knuffte Jan in die Seite.
„Meinst du der nimmt jetzt ab? Und redet keinen Scheiß mehr!“
Jan dachte an Nonnen, die sich vor dem Dom neben Asiatinnen in Schulmädchenuniformen fotografieren ließen und an englische Bomberpiloten, die über Köln die Luken ihre Bombenschächte öffneten. Feuer, Flammen, Rauch. Massaker.
Der schwarze Dom in seinem obszönen Schwarz warf einen langen dunklen Schatten auf den nachtdunklen Rhein. Glutfunken flirrten durch das Bild.
„Wie? Nein, ich hatte einfach nur Bock auf ein bischen Stress.“
Jan blies den Rauch in den Abendhimmel und lächelte Friedjof an.
„Pogo in Togo!“
„Africola in Angola?“
Friedjof zitierte die 80er und summte die Takte von United Balls „Pogo in Togo“
„Ich glaube hier wird niemand mehr gesund.“
„Lass uns wieder reingehen – ich werde mich entschuldigen.“
Jan drückte die Zigarette in Ascher aus und drehte sich in Richtung des Seminarraums.
Dort sah man das Gewusel der anderen Gruppenmitglieder schemenhaft durch die Scheiben. Ob das eine gute Idee war, wollte Jan gar nicht erst diskutieren. Er ließ Friedjof nur die Wahl ihm zu folgen und schritt durch die Tür. Ohne die eiseskalte Stille zu beachten, die das hektische Gemurmel unterbrach, ging er an Stefan vorbei auf Helmut zu. Dieser hatte das Heulen wieder eingestellt und saß umgeben von tröstenden Damen auf seinem Korbstuhl. Verängstigt blickte er in Jans Richtung.
„Es tut mir aufrichtig leid, was ich eben gesagt und getan habe.“
Jans Worte kamen klar und deutlich.
„Ich wollte und musste ganz dringend einmal Arschloch sein, weil ich in meinem ganzen Leben das noch niemals war.“
Sylvia und eine der anderen Schranzen, schnaubten und richteten sich bedrohlich in Jans Richtung auf.
„Es tut mir aufrichtig leid, ich weiß, das war nicht der richtige Zeitpunkt. Und ich werde dafür sorgen , dass es nicht noch einmal passiert.“
Dabei trat Jan, ohne die Umstehenden zu beachten auf Helmut zu und umarmte dessen massive Schultern.
„Du hast wirklich viele Fenster!“, staunte Jan, der noch nie zuvor eine so große Wohnung gesehen hatte, in der jemand allein wohnte. Sascha hatte es sich auf einem flachen Sessel mit Holzlehnen gemütlich gemacht und wirkte ein wenig wie ein Schriftsteller. Der schrabbelige Holzfußboden, die mit Büchern vollgestellten Regale und die wenigen, aber alten Möbel verliehen der Wohnung einen charmanten Charakter, und dazu kamen noch die vielen Fenster.
„Findest du?“, erwiderte Sascha und schenkte beiden aus einer Rotweinflasche in zwei Gläser ein. Er prostete Jan zu. Sie kannten sich erst seit ein paar Wochen, und Jans Besuch in Saschas Wohnung im Berliner Wedding beruhte auf gegenseitiger Sympathie und der gemeinsamen Arbeitserfahrung. Jan nahm einen viel zu großen Schluck aus seinem Glas und realisierte erst jetzt die genaue Geometrie und die Details von Saschas geräumiger Wohnung. Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer erstreckten sich entlang einer Seite der Wohnung und hatten insgesamt acht Fenster. Doch trotz seiner anfänglichen Begeisterung über die großzügige Fläche der Wohnung fielen Jan auch ihre Mängel auf.
„Ist das die Nordseite?“, fragte er, um höflich zu sein, und verschwieg dabei ein weiteres offensichtliches Problem. Eine Wand – groß, dreckig und schlecht verputzt – füllte das gesamte Panorama aus. Grau, verrußt, dreckig, Keine Fenster, nichts!
„Ja, das ist die Nordseite. Im Winter ist es sogar noch grauer!“, erklärte Sascha und machte es Jan damit leicht.
Mit dem Glas in der Hand stand Jan auf und schaute in die Finsternis hinab. Keine Fenster nach oben oder unten, nur eine hässliche Wand, die sich unten in einen düsteren, schlammigen Hof auflöste. Jan meinte, schemenhaft die Umrisse von Mülltonnen zu erkennen. Sprachlos starrte Jan in die Tiefe und dann zur gegenüberliegenden Wand.
„Nun ja, immerhin kann hier niemand hereinschauen. Und du wirst nicht wie ich jeden Morgen von einer Baustelle geweckt…“, Jan versuchte nett zu sein und bemerkte dabei, wie unhöflich er sich als Gast verhielt.
Er hatte eine gute Erziehung genossen und in seiner Kindheit reichlich Ausblick und Himmel gehabt. Solch eine Mauer hatte er noch nie gesehen.
„Ja, es hat auch seine Vorteile…“, meinte Sascha diplomatisch und verschwand in der kleinen Küche auf der anderen Seite der Wohnung. Jan drehte sich um und der Holzfußboden knarrte. Goethe, Kafka, Tucholsky… Was hatte Sascha nochmal studiert? Jan erinnerte sich vage daran, dass Sascha davon gesprochen hatte, aber er hatte wie immer nur die Hälfte behalten. Und er konnte die Literatur nicht so recht mit Saschas ständigen Telefonaten in Verbindung bringen. Ständig war Sascha am Telefonieren, wenn er nicht gerade Texte in die Tastatur hackte. Oft tat er auch beides gleichzeitig. Bei der Vorstellungsrunde hatten sie von Beratung gesprochen. Sascha war Berater, so hatte Jan es abgespeichert. Sascha kam aus der Küche zurück, ein Tablett mit seltsamen Keksen in der Hand.
„Hier, das sind welche vom Türken an der Ecke…“, sagte Sascha und zeigte auf das Tablett. Er war ein perfekter Gastgeber.
„Hast du sie alle gelesen?“, fragte Jan und griff nach einem der grün glitzernden Kekse. Er schaute in das nächste Regal, das voller alter Bücher stand. Obwohl er viel gelesen hatte, gab es in Bezug auf die Klassiker Lücken in seinem Wissen. Diese Sammlung glich fast einer Bibliothek, und Jan fühlte sich ein wenig unsicher.
„Ja, eigentlich schon“, antwortete Sascha und setzte sich wieder auf seinen Platz am Fenster. Er hob sein Glas zum Toast.
„Lass dich davon nicht einschüchtern. Die Hälfte davon ist alter Käse. Prost!“
„Zum Wohl…“
Sascha hatte einen guten Schluck genommen und Jan noch einmal nachgeschenkt. Jan gönnte sich ein zweites grünes Stückchen und trank von dem leckeren Rotwein. Die graue Wand beobachtete sie, während sie aufeinander anstießen, und langsam wurde es in der ohnehin schon dunklen Wohnung immer dunkler.